Wer die Nachtigall stört
von Harper Lee
„To Kill a Mockingbird“ (Wer die Nachtigall Stört) ist der einzige, veröffentlichte Roman von Nelle Harper Lee (* 28.04.1926 in Monroeville, Alabama). Der Roman wurde 1960 erstmalig veröffentlicht, erhielt im darauf folgendem Jahr den Pulitzer-Preis und wurde im Jahre 1962 sehr erfolgreich mit Gregroy Peck in der Rolle des Atticus Fink verfilmt, wofür der Film 3 Oscars erhielt. Ihren eigenen Aussagen zufolge ist es bislang ihr einziger Roman geblieben, weil sie befürchtet, nicht noch einmal an den Erfolg dieses Werks anknüpfen zu können. Neben diesem Roman veröffentlichte sie jedoch zahlreiche Artikel, Essays und Kurzgeschichten.
Zusammengefasst ist „Wer die Nachtigall stört“ ein nach wie vor aktuelles Buch über den Rassismus in den USA verbunden mit einem Appell an die Toleranz und die Zivilcourage für den Leser. Es ist ein Buch, geschrieben in den sechziger Jahren, mit einer Handlung in den Südstaaten der USA während der großen Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre, welches seine Aktualität und Relevanz für weite Teile der Welt bis heute nicht verloren hat.
Harper Lee beschreibt aus der Sicht eines kleinen Mädchens, Scout Fink, ein scheinbares Kleinstadtidyll sowie den Umgang mit den alltäglichen Sorgen und Problemen innerhalb der Familie. Scout durchlebt innerhalb der Handlungsstränge den ersten großen Schritt eines kleinen Mädchens vom Spielkind zum Schulkind. Sie wächst zusammen mit ihrem Bruder Jem, ihrem Vater Atticus, einem Anwalt, und der Hausangestellten Calpurnia auf. Diese Konstellation entspricht der normalen Ordnung in der Kleinstadt. Scouts Normalität erfährt erste Risse, als sie zur Schule kommt und feststellen muss, dass sie, als schon lesen könnend nicht dem Durchschnitt zugehörig ist, sondern vielmehr für Konflikte mit ihrer Lehrerin sorgt. Auch in der Familie führen die ungewöhnlich liberalen Ansichten des Vaters zu Widerständen, denen durch die Tante Alexandra Einhalt geboten werden soll. Mit Tante Alexandra erfährt Scout zeitgleich zu einem spektakulären Prozess in Maycomb, dass es eklatante Unterschiede zwischen schwarzen und weißen Menschen zu geben scheint. Zum einen wird ihre bisherige einzige weibliche Bezugsperson Calpurnia durch die Tante Alexandra bedroht und in ihre Schranken auf eine reine Angestellte reduziert und zurückgedrängt, zum anderen muss sie erfahren, dass es im Zusammenhang mit den schwarzen Einwohnern der Stadt keine Gerechtigkeit und Logik für das Verhalten gibt. Angeklagt ist Tom Robinson, ein Farbiger, der am Rande der Stadt mit seiner Familie lebt. Er soll Mayella Ewell, die Tochter eines armen Weißen vergewaltigt haben. Obwohl bekannt ist, dass die Ewells am Rande des Existenzminimums leben und der Vater als stadtbekannter Alkoholiker ebenfalls bekannt für seine ständigen Gewaltausbrüche ist, wird Tom Robinson wider besseren Wissens für schuldig erklärt und verurteilt. Scout erlebt die Zeit des Prozesses mit großem Erstaunen und Ungläubigkeit. Sie versteht weder die Nachbarn, die Tom ungeprüft für schuldig befinden, noch ihre Klassenkameraden, die ihren Vater, der Tom verteidigt, als „Niggerfreund“ beschimpfen, noch die Bekannten aus der Stadt, die sogar versuchen, ihren Vater anzugreifen, um ihn dadurch aufzuhalten. Ihren Vater versteht sie zeitweise ebenso wenig, wenn er sie immer wieder zu Besonnenheit und Toleranz auffordert anstatt mit Fäusten ihrer Wut Luft zu machen. Sie empfindet ihren Vater zeitweise sogar als feige und schwächlich. Erst zum Ende des Prozesses hin erkennt sie die Größe und die Weitsicht ihres Vaters und kann stolz auf ihn sein.
Scout Fink schafft es, als kleines Mädchen den Leser zu berühren, ohne ihn zu beschämen. Sie ist noch nicht verdorben durch Anpassungen und kollektives Denken. Sie gibt dem Leser Mut, diesen Schritt wieder zurückzugehen und für sich selber zu prüfen, inwieweit auch wir Opfer und Mittäter von angepassten und kollektiven Verhaltensmustern und deren Auswüchse sind, und inwieweit wir bereit sind, etwas daran zu ändern.
E.W.
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