Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Leopard
Vorgestellt von Alina Körber
„Nunc et in hora mortis nostrae. Amen.“
Der tägliche Rosenkranz der sizilianischen Fürstenfamilie Salina ist beendet, wo eben noch Frauen und Mädchen in langen Seidenröcken andächtig knieten, werden wieder nackte Nymphen und Putten im Bodenmosaik sichtbar. Der Blick wandert über die verspielten, bunten Samtvorhänge zum Deckenfresko, wo griechisch-mythologische Heerscharen das Wappen der Salinas, den aufrecht stehenden Leoparden, umschweben.
Mit diesem Bild fühlt man sich direkt in die prachtvolle und doch bigotte Welt des sizilianischen Adels hineinversetzt. Eine Welt, die wie der Fürst Don Fabrizio kraftvoll und unerschütterlich erscheint, beschrieben wird jedoch tatsächlich der Anfang vom Ende. Die Truppen Garibaldis sind auf Sizilien gelandet, die nationale Einigung Italiens steht bevor und die feudale Ordnung gerät ins Wanken. „Es muss sich alles ändern, damit alles so bleibt wie es ist.“, bemerkt Tancredi gegenüber seinem Onkel Don Fabrizio. An den Machtstrukturen wird sich wenig ändern, doch statt des Adels werden Neureiche regieren, die zwar viel Geld besitzen, denen es aber an Stil völlig mangelt. Der Roman schildert in Episoden den Verfall des Hauses Salina über einen Zeitraum von 50 Jahren. Tomasi di Lampedusa lässt mit seinen detailierten Beschreibungen Bilder und Atmosphären entstehen, die den Untergang der früher so mächtigen Familie spiegeln.
Die trockene Hitze im Sommer, Kutschfahrten über staubige Landstraßen, das Rascheln von Seide und der Duft der eben aufgetragenen Makkaroni-Pastete – die eindrücklichen Beschreibungen in ihrem wehmütigen Tonfall und die leise Ironie , die hinter oberflächlichen Aktivitäten phlegmatisches Beharren auf Gewohnheiten verrät, machen den Roman zu einem Lesegenuss.
Alina Körber, 2008
Vorgestellt von E. W.
Giuseppe Tomasi di Lampedusa
Der Leopard
1954 schrieb Giuseppe di Tomasi seinen ersten und einzigen Roman, der den Glanz und Niedergang des sizilianischen Adelsgeschlecht zur Zeit Garibaldis schildert. Der erst ein Jahr nach seinem Tod veröffentlichte Roman erlangte innerhalb kürzester Zeit Weltruhm und zählt heute zur Weltliteratur.
Don Fabrizio, Fürst Salina, auch aufgrund des im Wappen geführten Tieres Der Leopard genannt, ist der Held des Romans. Trotz seiner Scharfsinnigkeit glaubt er als respektierter Familienvorstand nicht so recht an eine gravierende Änderung der Verhältnisse durch den von Garibaldi angeführten Freiheitskampf. Zudem kümmert ein Mann seiner Stellung sich nicht um Politik. Einzig sein geliebter Neffe Tancredi sieht die Zeiten des Umbruchs kommen. Er schließt sich, anfangs eher aus Langeweile und Spaß, den Truppen der Freiheitskämpfer an. Doch er erkennt auch den Ernst der Lage und rechtfertigt seine Handlungsweise seinem Onkel gegenüber mit den Worten …“Wenn alles so bleiben soll, wie ist, muß sich alles ändern.“…
Diese Veränderungen werden in der sich über einen Zeitraum von 50 Jahren andauernden Familiengeschichte deutlich. Das träge Sizilien kann sich den neuen Zeiten nicht entgegen stellen. Die eigenen Untergebenen auf den Landgütern haben dies schneller erkannt als Don Fabrizio. So ist der skrupellose Don Calogero Sedara zum Bürgermeister aufgestiegen und zu einigem Reichtum gelangt, als sich die Familie auf ihrem Landgut Donnafugata einfindet. Zwar begeht er bei der Einladung zum Diner des Fürsten einen Fauxpas, doch ist dieser beim Erscheinen seiner schönen Tochter schnell vergessen. Die schöne Angelica fordert die Aufmerksamkeit sämtlicher Männer ein, sehr zum Ärgernis Concettas, der ältesten Salina-Tochter, die sich in ihren Cousin Tancredi verliebt hat und sich diesbezüglich Hoffnungen gemacht hat. Doch diese sieht sie seit dem Erscheinen von Angelica zunichte gemacht. Tancredi wird Angelica heiraten, eine Sache, die zu alten Zeiten undenkbar gewesen wäre. Der gesellschaftliche Aufstieg Angelicas und der damit zusammenhängende Machtzuwachs ihrer Familie ist die eine Seite der Eheschließung. Doch auch der verarmte Tancredi profitiert durch die Heirat, denn er gelangt wieder zu gewissem Reichtum. So vollzieht sich die politische und gesellschaftliche Umbruch immer weiter, unaufhaltsam durch die Handlungsunfähigkeit und Lethargie des Adels und dem fortschreitenden Machthunger der Aufsteiger mit den Methoden der Mafia. Don Fabrizio indessen wird der Untergang der alten Zeiten erst gewahr, als er Angelica in die palermitanische Gesellschaft einführt. Im Ballsaal wird er sich des Lebensstils seine Gesellschaftsschicht mit ihren feinen Manieren, den pompösen Ausstattungen der Paläste und der Schönheit , ihre Pracht in der Gesamtheit, bewußt und erkennt im Augenblick die Schatten dahinter.
Ein nicht ganz einfach zu lesender Roman, der sich durch sehr detailreiche und blumige Beschreibungen der Landschaft, Architektur und Personen auszeichnet. Doch wenn man sich in die Erzählart Tomasis eingelesen hat, ist es ein lesenswerter Familienroman mit den unterschiedlichsten Charakteren, der in die Welt einer ehemaligen großen Epoche entführt, in das Europa vergangener Zeiten.
E.W. 2008
Vorgestellt von Felix-Sebastian G.
Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Der Gattopardo
So stelle ich mir Italien im 19. Jahrhundert vor. Überbordend erzählt Tomasi von alten Herrenhäusern, von den ausladenden Gemüsegärten der Villafranca, von unglaublich reich anmutenden Verhältnissen. Häuser die so kitschig und zuckersüß eingerichtet sind, dass einem davon beinahe übel werden könnte. Und trotzdem würde man das alles gerne selber einmal in Augenschein nehmen, erleben können. Und mit diesem Buch ist man ganz nahe dran. Man fühlt sich zuweilen, als spiele man Mäuschen am sizilianischen Hofe des Fabrizio Cobrera, Fürst von Salina. Aber die zuckersüße Glasur des Ganzen weist Risse auf. Der Garten des Fürsten mag für einen Blinden der betörendste Ort der Welt sein, die mannigfaltigen Gerüche sind von Tomasi wunderbar beschrieben, dem sehenden Auge bietet sich jedoch ein Bild, das von fortschreitendem Verfall zeugt. Hierbei passt es ins Bild, dass Bendicò, die Dogge des Fürsten, ungestört im Garten buddeln und wühlen darf. Auch der Fürst selbst, Vater von sieben Kindern, von beeindruckend großer Gestalt zumal deutschstämmig und blond also sehr auffällig in Sizilien. Von seinen eigenen Kindern und der Ehefrau ob seines aufbrausenden Temperamentes und dem Hang zur strikten Disziplin gefürchtet, wird jedoch seinen eigenen Ansprüchen so gar nicht gerecht, wenn er seine Frau mit Dirnen betrügt und ihr gleichzeitig die Schuld an seinem Verhalten zuschreibt. Begründet mit dem all zu christlichen Verhalten das sie an den Tag legt. Unter der Oberfläche zeigt sich auch hier ein anderes als das augenscheinliche Bild. In diese Verhältnisse mischt sich jetzt noch einiger politischer Sprengstoff, das Volk wartet nur auf ein Zeichen von Schwäche des Despoten und dieser wähnt sich selbst in seinen Tagträumen verloren schon auf dem Scheiterhaufen. Glücklich macht den alten Fürsten der Gedanke an seinen Neffen Tancredi, der auch zu seinem Hofstaat gehört. Tancredi wäre ihm der liebere Erstgeborene gewesen als sein wirklicher Sohn von Fleisch und Blut, der ist nämlich um der höfischen Strenge zu entgehen nach London geflohen und zieht ein Leben in Armut einem Leben unter dem herrischen Vater vor. Und ausgerechnet jener Tancredi beteiligt sich an den revolutionären Aufständen, die das Ende des Adels besiegeln und Italien unter dem Banner der Tricolore einigen sollen. Der Fürst jedoch liebt Tancredi so sehr, und tut die ganze Revolutionäre Bewegung – von seinem eigenen Hofstaat bestätigt – als Narrenspiel ab. Die Ereignisse nehmen an Fahrt auf, als die Familie des Fürsten samt Hofstaat ihre jährliche Sommerfrische auf dem Landsitz in Donnafugata verbringt. Don Onofrio, der Verwalter des fürstlichen Landsitzes und gleichzeitig sein ehrerbietigster Untertan unterrichtet den Fürsten nämlich darüber, dass der Bürgermeister – ein Vertreter der Liberalen – mit dem Vermögen und dem Besitz des Fürsten aufgeschlossen habe. Don Calògero, so sein Name, brüskiert den Fürsten auch im Folgenden immer weiter durch sein Verhalten und zu allem Überfluss verliebt sich Tancredi in die Tochter Angelica – während der die Tochter des Fürsten verschmäht. Am Beispiel der fürstlichen Familie beschreibt Tomasi den Verfall. Er tut das in einer wunderbaren, reichen Sprache, die jedoch wegen der Übersetzung die Charlotte Birnbaum in den 50er Jahren verfasste, nicht immer leicht zu lesen ist. Trotz des Anhangs muss man so einige Begriffe nachschlagen, es gibt jedoch – wie ich später feststellte – eine aktuelle Übersetzung von 2004, die durchaus besser lesbar ist. Trotzdem man manchmal mit dem Duden neben der Lektüre sitzt, ist es ein wunderschönes Buch. Es lebt von der Detailverliebtheit seines Autors und von der stürmischen Handlung.
Felix-Sebastian G.
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