Vorgestellt von Anna-Selina Sander, Jennifer Claassen und Michèle Sommerfeldt
In diesem Stück geht es um die bürgerlichen Ehen und Familien im 19. Jahrhundert. Man kann diese eher als ein Abkommen sehen, um dem Mann seine gesellschaftliche Stellung zu sichern und der Frau eine angenehme und luxuriöse Existenz zu ermöglichen. Nora erkennt irgendwann, daß sie in ihrer Ehe wie in einem Puppenheim“ gelebt hat und bricht am Ende aus dieser entwürdigenden aus. Für ihre eigene Freiheit gibt sie ihre angesehene gesellschaftliche Stellung auf.
Ich fand dieses Schauspiel sehr interessant. Das damalige Leben einer Frau, die einfach nur als schmückendes Beiwerk eines Mannes gesehen wurde. Da dieses ja früher meist der Fall war und den Frauen nicht die Möglichkeit gegeben wurde sich selbst zu entfalten, sicherlich mutig die Konsequenzen zu ziehen und die Familie zu verlassen.
(Michèle Sommerfeldt, 2003)Nora, eine junge Frau, ist Ehefrau und Mutter von drei Kindern. Sie geniesst ein gutes Leben, ohne arbeiten zu müssen. Ein Kindermädchen, ein Hausmädchen und ein Dienstmann stehen ihr zur Verfügung. Ihr Ehemann, Torvald, wird zum Direktor einer Aktienbank ernannt. Das bedeutet für Nora, dass sie noch mehr Geld als sonst ausgeben kann und laut Torvald könne sie ohnehin schon nicht mit Geld umgehen. Nora führt anscheinend ein sorgenfreies Leben bis sich herausstellt, dass sie sich vor geraumer Zeit von einem gewissen Krogstad Geld geliehen hat, ohne ihrem Mann darüber in Kenntnis zu setzen. Krogstad versucht Nora zu erpressen, indem er damit droht ihren Mann in ihr Geheimnis einzuweihen, wenn sie nicht verhindern kann, dass Krogstad aufgrund seiner dubiosen Vergangenheit seinen Arbeitsplatz bei der Bank verliert. Damals lieh Nora sich das Geld, als ihr Mann sehr krank war und nach Aussage der Ärzte nur eine Reise in den Süden Schlimmeres verhindern würde. Ihrem Mann gegenüber behauptete sie, den benötigten Betrag von ihrem todkranken Vater erhalten zu haben. Sie mußte einen Schuldschein unterschreiben lassen und hat diese Unterschrift gefälscht. Krogstad macht seine Drohung war, weil Nora ihren Mann nicht davon abbringen kann ihm eine Kündigung zukommen zu lassen. Er verfasst einen Brief indem er Torvald über Noras »Vergehen« aufklärt.
Torvald liest diesen Brief und ist, wie befürchtet, außer sich vor Wut. Er sei von nun an ruiniert und Krogstad habe ihn in der Hand.Nora sei eine Heuchlerin, eine Lügnerin und habe sein ganzes Glück und seine Zukunft zerstört.
Nach diesen Beschimpfungen erhält er von dem Hausmädchen erneut einen Brief von Krogstad ausgehändigt. Dieser enthält den Schuldschein und lässt ihn alle Sorgen und Probleme schlagartig vergessen.
Nora allerdings haben die Vorwürfe ihres Mannes die Augen geöffnet. Sie tat das alles nur aus Liebe zu ihm und wollte sein Leben retten. Krogstad gab ihr den Schuldschein zurück um ihr das Leben zu erleichtern, da ihm selbst etwas Glückliches wiederfahren ist.
Nora fasst den Entschluss ihren Mann und die Kinder zu verlassen, da ihr klar wird, dass sie in ihrer Ehe nie wirklich glücklich war. Er behandelte sie stehts wie eine Puppe, ein Spielzeug. Er versucht sie zu halten, aber in ihren Augen ist alles sinnlos geworden.
Es müsse das Wunderbarste geschehen. Auf seine Aufforderung ihm das Wunderbarste zu nennen antwortete sie: »Es müsste mit uns beiden eine Wandlung passieren«, und verlässt das Haus.
Nachwort : Ich persöhnlich finde ein glückliches Ende besser, aber oft ist es in der Realität auch nicht besser.
(Jennifer Claassen, 2003)
Jetzt mal eine Frage an alle weiblichen Leser: Können Sie es sich vorstellen, mit einem Mann verheiratet zu sein, der seine Frau mit Kosenamen wie »mein lockrer Zeisig«, »meine Singlerche« oder »mein Eichhörnchen« bedenkt und sie auch entsprechend behandelt? Sicherlich, Torvald Helmer hat Geld und ab Anfang des Jahres sogar noch mehr, schließlich wird er an Neujahr Bankdirektor. Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie sind seine Ehefrau, bekommen tagtäglich diese originellen Spitznamen zu hören, haben drei Kinder, um die sich ein Kindermädchen kümmert (das, um die Idylle perfekt zu machen, auch Sie früher betreut hat), Sie dürfen den ganzen Tag lang zuhause sitzen oder shoppen gehen und auch sonst tun, was Sie möchten. Sie werden nicht mit geschäftlichen oder anderen ernsten Dingen des Lebens belästigt, Torvald ermahnt Sie lediglich ab und zu mal, es mit dem Einkaufen doch bitte nicht ganz so zu übertreiben. Und eigentlich dürfen Sie auch diese leckeren Makronen nicht essen, das hat Torvald verboten, aber wer wird denn schon einer jungen, bezaubernden kleinen Singlerche das Lächeln aus dem liebenswerten Gesichtchen wischen wollen? Außerdem kann man die ja auch heimlich essen, schließlich arbeitet Torvald ja den ganzen Tag und will nicht gestört werden ... Und jetzt meine Frage:
Wäre das nicht zum Kotzen?
Nora Helmer jedenfalls ist mit genau diesem vorbildlichen Ehemann verheiratet. Und eigentlich gefällt es Ihr auch ganz gut in ihrer Ehe. Nora lebt in ihrem goldenen Käfig, ist unselbständig, naiv und unmündig, weiß nichts von der großen, bösen Geschäftswelt und passt Torvald so herrlich gut in den Kram. So kann er seiner Arbeit als Bankdirektor entgegenfiebern, hat eine blütenweiße Weste, nichts schadet seinem Image, im Gegenteil. Nora liebt ihren Mann innig, er liebt sie noch viel mehr und alles ist einfach wie aus dem Bilderbuch entnommen. Das denkt zumindest Torvald. Allerdings gab es damals, als er mit Nora nach Italien reisen musste, um von einer tödlichen Krankheit wieder zu genesen, einen kleinen Vorfall, von dem er nichts weiß und besser auch nichts wissen sollte. Für die lange Reise hat Noras Vater kurz vor seinem Tode eine große Geldsumme gespendet, damit Tovald wieder gesund werden konnte. Das ist jedenfalls die offizielle Version. Tatsächlich aber hat sich Nora aus moralischen Gründen das Geld anderweitig beschafft. Schließlich konnte sie ja schlecht ihren im Sterben liegenden Vater um Geld anbetteln, um (womöglich statt ihm) ihren todkranken Ehemann mit einer Reise nach Italien zu retten! Also hat sie sich das Geld von dem Rechtsanwalt Krogstad, einem Untergebenen ihres Mannes, geliehen. Sie brauchte dazu allerdings eine Unterschrift von ihrem Vater. Dummerweise hat sie bei deren Fälschung ein Datum nach seinem Tode angegeben ... Folgendes Drama entspinnt sich:
Nora hat zwar schon eine große Summe vom Haushaltsgeld abgespart und zurückgezahlt und Torvald weiß auch immer noch nichts davon und das würde auch alles noch gut gehen, bis sie völlig schuldenfrei ist, wenn nicht Torvald vorhätte, Krogstad zu entlassen und stattdessen Noras alte Freundin Christine Linde einzustellen. Der Anwalt sieht seine Felle davonschwimmen und dreht Nora einen Strick aus der gefälschten Unterschrift: Sollte sie sich nicht dafür einsetzen, dass er seine Stelle behält, dann wird Torvald ganz schnell den ganzen Schwindel erfahren. Es würde nicht nur an dessen männlichem Ego kratzen, dass seine Frau ihm das Leben gerettet hat, sondern auch seine Laufbahn gefährden: Die Frau eines Bankdirektors als Unterschriftenfälscherin? Nicht auszudenken.
Nora dagegen glaubt den Drohungen Krogstads nicht. Ihr Mann, der sie so sehr liebt, wird sicher ebenso denken und Krogstad in den Wind schießen. Schließlich hat sie das alles nur getan, um ihm das Leben zu retten. Als Nora sich nicht rührt, schreibt der Krogstad Torvald einen Brief, in dem er ihn über alles aufklärt. Dann jedoch (der geschriebene Brief liegt wie ein Damoklesschwert ungeöffnet im Briefkasten) erfährt die Geschichte für Krogstad eine glückliche Wendung: Christine Linde, die ihn in früheren Tagen wegen eines anderen verschmäht hat und nun verwitwet ist, erklärt sich bereit, es mit ihm noch mal zu versuchen. Er hat also Jugendliebe und Job wieder und schickt Nora den Schuldschein zurück. Er und auch Christine sind sich aber einig, das Noras Mann die ganze Geschichte erfahren sollte.
Als Torvald Krogstads Brief liest, erfüllen sich Noras Erwartungen leider nicht. Torvald ist außer sich: Er beschimpft sie als Betrügerin und Verbrecherin und verbietet es ihr, ihre Kinder weiter zu erziehen. Er beginnt schon, eine Vertuschung zu organisieren, natürlich nicht ohne Nora zu verstehen zu geben, dass nichts mehr so sein wird wie vorher: »Niemand opfert der, die er liebt, seine Ehre.«
Als Minuten später der zweite Brief von Krogstad eintrifft, in dem er sie ihrer Schulden freispricht, ist Torvald wie verwandelt. Jetzt, wo seine Ehre wiederhergestellt, ach was, noch nicht einmal angetastet ist und alles wieder im Reinen, da kann er Nora doch nicht mehr böse sein, das dumme kleine Ding hat ja nur aus Liebe gehandelt, das kann man doch verzeihen ...
Nora dagegen hat dieser Vorfall die Augen geöffnet. Sie sieht jetzt ein, wie naiv wie gewesen ist, dass das Leben an ihr vorbeigerauscht ist, ohne dass sie die leisteste Ahnung davon hat, was es bedeutet, zu leben. Sie verlässt Torvald (der jetzt natürlich verzweifelt versucht, sie zurückzuhalten), dem es nur um sein Image gegangen ist und nie um sie, Nora. Der sie behandelt hat wie eine Puppe in einem Puppenhaus, dem es nur Spaß machte, in sie verliebt zu sein und der ihr nichts, gar nichts zugetraut hat. Der offensichtlich nicht einmal den Menschen in ihr gesehen hat, sondern nur die Singlerche. Und die fliegt ihm jetzt davon. Selber Schuld.
Nora ist ein Schauspiel in drei Akten, das 1879 uraufgeführt wurde. Der Norweger Ibsen hat sich ein sehr emanzipatorisches Thema ausgesucht. Frauen waren in dieser männerdominierten Zeit wirklich nicht mehr als kleine Singlerchen in goldenen Käfigen. Wie wenig sie den Männern wert waren, zeigt die Fortsetzung des obigen Zitates: »Niemand opfert der, die er liebt seine Ehre.« Nora antwortet darauf: »Das haben tausende von Frauen getan.« Und Torvald weicht aus: »Du denkst und redest wie ein unverständiges Kind.« Dieses kleine Schauspiel zeigt die beeindruckende Wandlung einer dieser Frauen und wie sie es schafft, ihren Mann einfach zu stehen zu lassen, und, wie Nora es ausdrückt, sich selbst zu erziehen.
War Ibsen eigentlich ein Frauenversteher?
(Anna-Selina Sander, 2003)