Knut Hamsun: Hunger

Knut und Astrid

Als Astrid Lindgren Ende der 1920er Jahre nach Stockholm ging, um Arbeit zu suchen, war sie sich schon dessen bewusst, dass sie nicht eben im Wohlstand leben würde. Sie bewohnte mit einem anderen Mädchen zusammen ein kleines Zimmer und konnte sich nie richtig satt essen. Beide verdienten nicht genug Geld, um sich über Wasser zu halten, und auch wenn in regelmäßigen Abständen Fresspakete von daheim ankamen, so wurde sich Astrid schnell bewusst, was wirklicher Hunger war.

In dieser Zeit ernährte sie sich sozusagen als Trost von Literatur. Sie las ganze Bibliothekregale durch und eines Tages stieß sie auf ein kleines Büchlein des norwegischen Autors Knut Hamsun mit dem Titel Hunger. Dieses Buch schien wie für sie geschrieben zu sein, denn dem Protagonisten geht es nicht viel anders als ihr:

Er lebt in Oslo (hier Kristiania genannt), ist ein Mensch mit dem Talent zum Schreiben und lebt davon, Artikel für die eine oder andere Zeitung anzufertigen und mit dem Lohn dafür sein täglich Brot zu erwerben. Doch schon zu Beginn des Buches zeigt sich, dass der Mann nicht sehr wohlhabend ist. Alle nicht unbedingt notwenigen Habseligkeiten haben längst ein neues Zuhause beim Pfandleiher gefunden und die Geschichte beginnt damit, dass er aus seinem möblierten Zimmer ausziehen muss, weil er die Miete nicht bezahlen kann. Hunger beginnt sich einzustellen, da er kein geregeltes Einkommen hat, muss er von der Hand in den Mund leben und seine Situation verschlechtert sich dramatisch. Mehrmals steht er kurz vor dem Tod, ergeht sich in Wahnvorstellungen und benimmt sich wie ein Verrückter, doch immer wieder rettet ihm ein bezahlter Artikel oder eine milde Gabe davor, endgültig vor lauter Verlangen nach Essbarem zu verenden. Doch auch wenn er es einmal zu ein wenig Geld gebracht hat, hat er wenig davon, denn irgendwann hat sich sein Organismus so umgestellt, dass er keine Nahrung mehr bei sich behalten kann, die schönsten Speisen nützen ihm also nichts, weil sie ihn nicht nähren – Er befindet sich in einem Teufelskreis. Dazu kommt seine nahezu dumme Ehrlichkeit. Der Mann ist ein gottesfürchtiger Mensch und versteckt seine Armut und Not vor Bekannten, er stiehlt nicht ein einziges Mal und als er wegen eines Missverständnisses im Krämerladen zuviel Wechselgeld erhält und damit von dannen zieht, bringt er es nicht übers Herz, es auszugeben, sondern gesteht seine Tat und gibt das Geld an eine andere arme Person weiter. Erst gegen Ende treibt ihn der Hunger zu Verzweiflungstaten, er fordert für das Geld, das er verschenkt hat, Ware und nistet sich in einem Wirtshaus ein, ohne die Wirtsfamilie bezahlen zu können.

Er macht auch die Bekanntschaft einer jungen Dame aus der höheren Schicht, in die er sich unsterblich verliebt und die immer wieder Gegenstand seiner Wahnvorstellungen ist, doch als herauskommt, wie es um ihn steht, verschmäht sie ihn und er ist wiederum allein. So schafft er es schließlich, mit letzter Kraft auf einem Schiff nach England anzuheuern und sein armes Leben endgültig abzulegen. Was im folgenden mit ihm passiert, wird nicht gesagt.

Der Protagonist erfährt eine rasante Abwärtsentwicklung. Anfangs noch tischt er aus Jux wildfremden Leuten Lügengeschichten auf und freut sich diebisch, wenn sie ihm auf den Leim gehen. Seine Wohnung ist ihm zwar gekündigt worden, doch ist er guten Mutes für die Zukunft und sehr von seiner Zukunft als Journalist überzeugt, doch das hält nicht lange an. Aus ihm wird eine abgewrackte, gespenstische Figur, die sich selbst nicht mehr kennt und mit der der Hunger sein grausiges Spiel spielt. Die expressive Sprache Hamsuns bestärkt das ganze noch. In Astrid Lindgren hat das Buch großes Zusammengehörigkeitsgefühl geweckt. Ihre Situation war kaum besser und so kam ihr dieses Buch wie ein Segen vor, wie ein Trost, dass sie nicht allein war. Tatsächlich ist Hunger ein autobiographischer Roman; Hamsun hat tatsächlich in Oslo Zeitungsartikel geschrieben, um sich notdürftig zu ernähren. Für Astrid Lindgren jedenfalls war diese Lektüre, wie sie später selbst sagte, ihr größtes Leseerlebnis in dieser schweren Zeit. Und beeindruckend ist dieses Buch wirklich, nicht nur für Hungernde. Im Gegenteil, es ist in der heutigen Wohlstandsgesellschaft eigentlich gar nicht von Nachteil, einen solchen Roman zu lesen.

(Anna-Selina Sander, 2003)


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