Bekommt man als Kind Märchen vorgelesen, so sind nicht nur die Märchen der Gebrüder Grimm, sondern auch die des Dänen Hans Christian Andersen für Eltern und Kinder nicht wegzudenken. Jeder hat schon einmal von der kleinen Meerjungfrau, dem hässlichen Entlein und dem tapferen Zinnsoldaten gehört.
Ich aber nicht. Trotzdem meine Eltern beinahe jedes Jahr ihren Urlaub in Dänemark verbrachten und schon immer große Fans der dänischen Kultur waren, kamen meine Schwester und ich bestenfalls in den Genuß einiger Grimms-Märchen und einer Hörspielkassette von »Die Prinzessin auf der Erbse«. Meine Mutter hatte immer gefunden, die Märchen seien oft zu grausam, größtenteils überholt, nicht kindgerecht.
Auf unser Drängen hin bekamen wir eines Tages das Märchen vom alternden, ausrangierten Weihnachtsbaum vorgelesen und ich muß zugeben, daß mir alle Weihnachtsbäume seit dem nach Weihnachten leid tun, als hätten sie tatsächlich eine Seele und unsagbare Schmerzen. – Wer kann das schon so genau sagen?
Das hässliche Entlein sah ich zuerst im zarten Alter von zwölf Jahren in einem dänischen Museum des Malers Johann Larsen in Kerteminde, der einige der Andersen-Märchen illustriert hat. Dort wurde ein kurzer Film gezeigt, es gab Bilder zum ausmalen und die Geschichte wurde in eingerahmten Bildern dargestellt.
Mittlerweile habe ich selbst einige Andersen-Märchen gelesen und lese auch ab und zu noch weitere. Ich kann nun meine Mutter in einigem unterstützen. Es gibt wirklich schönere Kindergeschichten und viele Andersen-Märchen sind tatsächlich grausam. Doch nie haben diese Märchen inhaltlich an Aktualität verloren. Das hässliche Entlein wird zum Beispiel immer Kindern Mut machen können. Nicht umsonst sitzt die kleine Meerjungfrau in Bronze gegossen auf einem Stein vor Kopenhagen, begrüßt ein- und auslaufende Schiffe und lässt sich von Scharen von Japanern und Hochzeitsgesellschaften photographieren. Diese Märchen sind Weltliteratur, besonders auch für Erwachsene.
(Linda Seidel, 2003)