Was bringt den Produzenten der amerikanische Kult-TV-Serie Die Simpsons eigentlich dazu, seine karikativen Figuren dieses 40er-Jahre-Theaterstück spielen zu lassen? Ganz einfach: Endstation Sehnsucht passt hervorragend in sein Konzept.
Es geht um die, wie Marge Simpson es treffend beschreibt, alternde Südstaatenschönheit Blanche DuBois, die, nachdem sie ihren Familienbesitz, die Plantage »Belle Rêve« verloren hat, bei ihrer Schwester Stella in New Orleans Quartier bezieht – ob sie will oder nicht. Blanche sieht in sich selbst natürlich etwas besseres, sie hält ihre schönen weißen Kleider, die letzten Relikte ihres früheren Lebens, in Ehren und weiß sich damit in Szene zu setzen. Blanche ist einst eine Lehrerin im alten Süden gewesen, ist allerdings wegen nymphomanischer Anwandlungen suspendiert worden. Nach einigen Alkoholexzessen und wilden Affären (von denen sie natürlich nichts erzählt!) ist sie schließlich in den »neuen« Süden gekommen, um wieder Oberwasser zu gewinnen. Aber da hat sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Sie muss in einer kleinen Wohnung mit ihrer Schwester und deren Ehemann Stanley zusammenleben, wobei sie mit Stanley permanent aneckt. Da er ein einfacher Arbeiter polnischer Abstammung ist, passt er überhaupt nicht in ihr Weltbild und eine Konfrontation der beiden jagt die nächste.
Blanche versucht, Intrigen zu spinnen und Stella gegen ihren Mann aufzuhetzen, doch da deckt Stanley Blanches Vergangenheit auf und hat damit eine Lücke entdeckt, es ihr heimzuzahlen. Er macht ihre zart aufkeimende Romanze mit seinem besten Freund zunichte und setzt ihr immer mehr zu, bis sie schließlich nach einem letzten, spaktakulären Eklat dem Wahnsinn verfällt und in die Nervenanstalt eingewiesen wird. Stolz und schön wie eine Lady aus der alten Zeit nimmt sie das Geleit des Arztes an und geht hoch erhobenen Hauptes in ihren Untergang.
Soviel zum »American Dream«. Und genau das ist ein Thema auf dem Silbertablett für die Simpsons. Übrigens ist nicht nur Tennessee Williams’ Stück auf diese Weise parodiert worden, auch Edgar Allan Poes »Der Rabe« wurde so unsterblich – abgesehen natürlich von vielen Episodentiteln wie »The Telltale Head«, »Lady Bouvier’s Lover« oder »Much Apu About Nothing«.
Zurück zu Tennessee Williams. Seine Absicht war natürlich nicht nur, den American Dream anzuzweifeln. Der Hauptkonflikt zwischen Stanley und Blanche ist beispielhaft für ewige Gegensätze: Stanley, männlich, arbeitend, steht für die Realität. Er hat eine kleine Existenz aufgebaut und lebt einigermaßen sicher mit seiner schwangeren Frau zusammen. Blanche dagegen ist eine Schwärmerin, die mental noch immer in ihrer poetischen Welt der weißen Kleider und großen Plantagen lebt, die sie schon lange verloren und hinter sich gelassen hat: Der alte Süden gegen den neuen. Dass sowas nicht gut gehen kann, ist eigentlich vorprogrammiert. Dennoch, Endstation Sehnsucht ist ein beeindruckendes Theaterstück, das durchaus eine Herausforderung an Schauspieler und auch an die Technik darstellt, denn hier wurde sehr großer symbolischer Wert auf Musik, Geräusche und Licht gelegt. Und das hat auch der Regisseur bei den Simpsons erkannt – und großartig gemeistert, auch wenn er keinen Marlon Brando zur Verfügung hatte, sondern nur den frömmelnden Ned Flanders. Aber was macht das schon?
(Anna-Selina Sander, 2003)