Edgar Allan Poe hat die Detektiv- und Kriminalgeschichten nicht erfunden – bereits lange vorher hat es Geschichten über Morde, Mörder und Ermordete gegeben. Poe hat diesen Geschichten jedoch etwas vollkommen Neues verliehen, denn er hat ihre Perspektive verändert:
Bei ihm ging es plötzlich nicht mehr darum, warum diese oder jene Tat begangen wurde. Er kümmerte sich nicht um die Motive oder den Geisteszustand des Mörders. Genauso verzichtete er darauf, das Opfer und deren Angehörige genauer zu charakterisieren: in den Detektivgeschichten Poes geht es einzig und allein um das Wie. Nicht das Ergebnis ist Mittelpunkt der Erzählungen, sondern das Verfahren. Die Perspektive liegt nicht bei dem Mörder und auch nicht bei dem Opfer – sondern bei dem Helden, der die Identität des Täters schließlich offenlegen wird. Es geht nicht länger um das Verbrechen, sondern um seine Aufklärung.
Mit dem einzelgängerischen Auguste Dupin hat Poe eine (Serien-)Figur erschaffen, die über ein Höchstmaß an logischem Kalkül verfügt. Begleitet wird er von dem Erzähler der Geschichten – ihm berichtet Dupin von seinen Überlegungen, durch ihn wird auch der Leser in die Geschichte eingebunden. Er ist ein reiner Funktionsträger und steht stets im Hintergrund, sein Charakter bleibt schemenhaft und verdient nicht einmal einen Namen. Der Erzähler reagiert auf die beschriebenen Situationen genau so, wie es der Leser tut – und ganz wieder Leser, reagiert auch er überrascht auf die scharfsinnigen Beobachtungen und Schlussfolgerungen Dupins.
Dupin äußert sich des öfteren herablassend über die Polizei, die nach seinem Empfinden viel zu viel unternimmt und viel zu wenig aus den Tatsachen folgert. Und tatsächlich löst Dupin z. B. in »Die Morde in der Rue Morgue« den Fall hauptsächlich auf Basis der Zeitungsinformationen, zieht aus den Fakten (das Verbrechen hat in einem scheinbar hermetisch abgeriegelten Raum stattgefunden, ein größerer Geldbetrag blieb unangerührt und zahlreiche Ohrenzeugen verschiedener Nationalität konnten die Sprache des Mörders nicht identifizieren) seine Schlüsse und betritt nur einmal kurz den Schauplatz, um seine Vermutungen zu bestätigen.
Nachdem Dupin das Rätsel theoretisch gelöst hat, wird auf die Überführung des Täters und dessen Verhaftung verzichtet. Eine wirkliche Handlung fehlt in Poes Detektivgeschichten fast völlig. Betont wird dagegen die Leistungsfähigkeit des menschlichen Verstandes.
Auguste Dupin diente als Vorbild für eine unermessliche Anzahl von Detektiv- und Kriminalgeschichten: einer der bekanntesten Nachfolger Dupins ist sicherlich Conan Doyles Sherlock Holmes, jener verschrobene Wissenschaftler, der immer dann zu Hilfe gerufen wird, wenn niemand anders in der Lage ist, das Rätsel zu lösen.
Auch Doyle bedient sich eines Erzählers, der den abstrakten Gedankengängen Holmes’ nicht folgen kann und von diesem mehr oder weniger geduldig aufgeklärt wird.
Bei Doyle gibt es wie auch bei Poe zwei Erzählstränge: der eine spielt in der Gegenwart, in der die Hauptpersonen mit den Einzelheiten des Falles betraut werden. Der andere taucht erst gegen Ende auf: hier rekonstruiert der Detektiv für den Leser die Vorgänge, die in der Vergangenheit stattgefunden haben und zu dem untersuchten Ergebnis führten.
Anders als bei Poe wird auch der Erzähler bei Doyle eingehender charakterisiert und darf sich auch beim Namen nennen: Doktor Watson. Dennoch richtet sich der Fokus auch hier eindeutig auf Holmes.
Andere bekannte Beispiele sind Hercule Poirot von Agatha Christie und Chestertons Pater Brown, der charismatische Geistliche, der – verglichen mit Auguste Dupin und Sherlock Holmes – erstaunlich normal ist und nicht die typischen exzentrischen Züge zeigt.
dtv, ISBN: 3-423-12693-0