Jane Austen: Anne Elliot

»Für Anne gehörten Henriette und Louisa stets zu den beneidenswertesten Geschöpfen unter ihren Bekannten; da wir aber alle durch ein wohltuendes Gefühl der Überlegenheit vor dem Wunsche bewahrt bleiben, in eine fremde Haut zu schlüpfen, hätte sie aber dennoch ihre eigene anspruchsvollere und kultiviertere Geistesart nicht für all ihre Lustbarkeiten dahingeben mögen und beneidete sie nur um das anscheinend innige Verstehen und Einvernehmen, die herzliche Zuneigung, von der sie selbst bei keiner ihrer Schwestern je viel gespürt hatte.«
(Aus Anne Elliot)

Jane Austens Zutaten: England um 1800, zwei bis drei befreundete Familien, mindestens zwei hübsche, heiratsfähige Töchter und einige Besucher in Form stattlicher Männer. Als Ergebnis halten wir immer höchst amüsante und lebendige Bücher in den Händen.

Natürlichkeit und Grazie, Ironie und Warmherzigkeit bei der Beschreibung ihrer Figuren und deren Zusammenspiel machen für mich den größten Reiz ihrer Beschreibungen aus. Die Männer werden aufs genaueste von den Heiratskandidatinnen geprüft. Ist er stattlich, hat er Manieren und ein gutes Einkommen? Die Damen sollen vor allem hübsch, liebreizend und gebildet sein. Im Zusammenspiel von Hoffnung und Enttäuschung entsteht ein eindringlich gezeichnetes Drama menschlicher Gefühle.

Würde dies alles nicht aus der Feder Jane Austens stammen, wäre es wohl ziemlich trivial. Sie jedoch versteht es mit Frische und hoher künstlerischer Form höchsten Lesegenuss entstehen zu lassen.

Jane Austen: Anne Elliot; Manesse Verlag, Zürich 1966

(Annika Manegold, 2003)

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