Vercors: Das Schweigen des Meeres

Frankreich 1941. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges fangen die années noires an, die »Schwarzen Jahre«. Die Deutschen besetzen nach ihrem schnellen Sieg über Frankreich das ganze Land und die Bevölkerung leidet sehr darunter. Einheimische Familien werden gezwungen, deutsche Soldaten bei sich Quartier nehmen zu lassen, was für die Franzosen sozusagen ein Schlag in die Magengrube ihres Nationalstolzes ist. So ergeht es auch dem Protagonisten von Das Schweigen des Meeres. Ein älterer Herr lebt mit seiner Nichte zusammen in einem Haus in einer kleinen Stadt in Frankreich, als ein deutscher Offizier bei den beiden einquartiert wird. Die beiden rechnen mit einem blasierten und arroganten Menschen und bauen verständlicherweise sofort eine Antihaltung auf. Doch es kommt anders, als sie denken. Der deutsche Offizier, der das Haus betritt, ist ein hochgebildeter, einfühlsamer Mann, der auch noch fließend Französisch spricht und sich mit den ersten Worten, die er an seine unfreiwilligen Gastgeber richtet, höflich vorstellt und umfangreich entschuldigt. Einen Monat lang kommt und geht er immer zur gleichen Zeit. Er ist freundlich und richtet immer ein paar nette Worte an die Franzosen, unverbindliche Dinge wie Kommentare über das Wetter oder ähnliches. Und immer verabschiedet er sich abends auf sein Zimmer mit den Worten: »Je vous souhaite une bonne nuit« – »Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht.«

Die beiden Franzosen ziehen es trotz der Zutraulichkeit des Deutschen, der sich als Werner von Ebrennac vorgestellt hat, vor, nicht zu antworten. Was von Ebrennac sagt, ist ein Monolog, der mit Schweigen kommentiert wird. Zu tief sitzt die Demütigung, die das französische Volk erfahren hat. Der Deutsche sieht das ein, macht aber deswegen keinen Rückzieher. Eines Tages, als er völlig durchnässt ins Haus kommt, nimmt er sich die Freiheit, sich an dem notdürftigen Feuer der Gastgeber zu wärmen. Von Ebrennac beginnt nun, jeden Tag von seiner Liebe zu Frankreich zu erzählen, die er sozusagen von seinem Vater geerbt hat. Er schwärmt von diesem Land, von dessen Kultur, Musik und Literatur. Er ist der festen Überzeugung, das dieser harte und entbehrungsreiche Krieg die beiden Feinde eines Tages einen wird, dass »Großes daraus hervorgehen« wird. Sein Monolog zieht sich durch die ganze Erzählung und legt seine innersten Gefühle gegenüber diesem Land und seiner Kultur dar, aus seinen Worten spricht die tiefe Überzeugung, dass Deutschland und Frankreich, die beiden Länder, die so vieles hervorgebracht haben, so viele Literaten (Frankreich) und Musiker (Deutschland), dass man gar nicht weiß, welchen man als am bedeutendesten erachten soll ... dass diese beiden Länder irgendwann eine wunderbare Einigung erfahren werden. Er spricht von der Unfassbarkeit dieses Krieges und von dem grenzenlosen Vertrauen in seine Vorgesetzten, die etwas Großes daraus machen werden.

Und noch immer schweigen der Hausherr und seine Nichte.

Als von Ebrennac nach dem Winter eines Tages von einem zweiwöchigen Aufenthalt in Paris zurückkehrt, nehmen die Dinge eine katastrophale Wendung. Seine Vorgesetzten, darunter auch alte Studienfreunde, haben verraten, was sie wirklich mit Frankreich vorhaben. Von Ebrennac muss einsehen, dass er naiv gewesen ist zu glauben, dass seine Kameraden Frankreich wieder aufleben lassen würden. Sie haben vor, das Land dem Erdboden gleich zu machen: »Wir werden Europa von dieser Pest heilen!« Seine Liebe zu Frankreich sei eine Gefahr für den Sieg. Sie sei der Grund, weshalb Frankreich wieder zu Kraft kommen könnte, und das wollen sie auf gar keinen Fall zulassen. Er ist wie vor den Kopf gestoßen, kann sich kaum vernünftig ausdrücken. In seiner völligen Verzweiflung lässt er sich an die vorderste Front versetzen – »Zur Hölle«; er sieht keinen anderen Ausweg. Seinem Satz »Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht« folgt nun noch ein leises »Adieu«. Und nur dieses eine, letzte Wort, bevor der Offizier für immer verschwindet, wird endlich von der Nichte des Hausherren erwidert, so leise, dass man daraus hätte lauern müssen, ihren Abschiedsgruß zu hören. Die Chancen sind vertan, es ist vorbei.

Das Schweigen des Meeres wurde 1942 als erster Titel des Untergrundverlages Éditions de Minuit aufgelegt. Es gilt als Vercors’ bekanntestes Werk (und das, obwohl er weit mehr als 40 Titel verfasst hat) und als ein Standardwerk der französischen Résistance im Zweiten Weltkrieg. Diese Erzählung zeigt, dass nicht alle Deutschen einzig und allein die Vernichtung des Erbfeindes im Sinn haben, aber auch, dass die Kultur und das, was diese beiden Länder verbindet, vor dem Hintergrund dieser Feindschaft und des Krieges völlig untergehen. Es ist eine bewegende Erzählung, in der der Leser einerseits gebannt den Worten des Offiziers folgt und mit ihm darauf wartet, dass endlich eine Antwort kommt, die bis kurz vor Schluss aber ausbleibt. Und andererseits fühlt man mit den Franzosen, die einen so höflichen Menschen bei sich haben, es aber nicht übers Herz bringen beziehungsweise es mit ihrem Stolz nicht vereinbaren können, mit ihm zu reden. Wohl zeigen sich im Laufe der Geschichte gerade beim Hausherren Anzeichen von Reue – Man solle ihm das Almosen eines einzigen Wortes nicht verwehren – aber zu einem Dialog kommt es trotzdem nicht.

Eine zwar schnell zu lesende, aber sehr berührende Geschichte aus dem Frankreich des Zweiten Weltkrieges, die gerade den Deutschen mal ganz gut tut.

(Anna-Selina Sander, 2003)

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