Sappho: Strophen und Verse (ca. 600 v. Chr.)

»Die fetten schenkelknochen
einer weißen ziege werde ich
dir opfern auf deinem altar«

Vermutlich gibt es so viele Sapphos wie Übersetzungen. Ich habe mir zweimal Sappho zu Gemüte geführt, eine »Spiegelung des Originals« eines Philologen (J. Schickel, 1978) und eine freiere Nachdichtung eines Sprachwissenschaftlers und Schriftstellers (R. Schrott, 1999).

Erwartungsgemäß waren mir die Fragmente in der klassischen Übersetzung, ordentlich gegliedert und mit der korrekten Anzahl Auslassungszeichen versehen, schwerer zugänglich. Ich hake mich in den Gedichten an der ungewohnten Wortführung und dem unserer Zeit eher fremden Pathos fest.

Nicht nur weil die Nachdichtung sprachlich leichter fließt und die Lücken – zumal in der heutigen Sprache – gefüllt werden, hat sie für mich einen besonderen Reiz. Raoul Schrotts moderne Annäherung ist gleichzeitig poetisch und hat einen kräftigen Geschmack. Sie läßt Sappho und ihre Zeit lebendig werden – eine sinnliche, leidenschaftliche Sappho in ihrem Kreis von Frauen, die allgegenwärtigen Gottheiten und die Natur des glühenden Südens.

Doch dies gilt für die maßstabsgetreue Übersetzung ebenfalls, daß sich mit etwas Anfangsmühe die knappen Bilder auch nach 2600 Jahren noch erschließen – das ist ja das Schöne an der Poesie!

Sappho, Strophen und Verse. Hrsg. J. Schickel, Insel Verlag 1978
Sappho, in Raoul Schrott, Die Erfindung der Poesie. dtv 1999 (überhaupt ein schönes Buch!)

(Sünne Burmeister, 2003)

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